„Wandel in Pastell: Wie Olympia in München das Lebensgefühl einer Generation prägte.“

Ein Feature des Bayerischen Rundfunks, Hörfunk, Bayern2
Sendetermin: Sonntag, 19. August 2012, 12 Uhr



Autor: Stefan Götz.

Vielen Dank all jenen, die ihre Erinnerungen geschildert haben! Nach der Sendung habe ich per e-Mail sehr positive Reaktionen erhalten, unter anderem diese eines Kollegen von der Online-Redaktion von Bayern3: 
"Ich habe am Sonntag Ihr Feature gehört - und musste ständig mit den Tränen kämpfen, weil mich die O-Töne und Ihre Texte so gerührt haben. Ich kann mich nur ganz dunkel an die Olympia-Begeisterung erinnern, aber Ihr Feature hat das Gefühl dieser Wochen auf so schöne Art vermittelt - ein Radio-Highlight. Mit begeisterten Grüßen Günther Rehm." 

 

Foto: Stefan GötzArild Rafalzik arbeitet als TV-Produzent. Als damals 15-Jähriger fand er einen unbewachten Weg direkt ins Olympische Dorf, wo er unter anderem mit Ulrike Meyfarth plauderte - einen Tag vor ihrem sensationellen Sieg im Hochsprung. Wir trafen uns im Café "München 72" am Europäischen Patentamt. Hörbeispiel

"Hier vorn, Zweibrückenstraße, da lief Heide Rosendahl als Fackelläuferin. Ich war damals begeisterter Autogrammsammler, gehe ihr entgegen. Es war eigentlich völlig idiotisch, aber ich bin ein Stück neben ihr hergelaufen, da bleibt sie stehen, gibt mir die olympische Fackel in die Hand und unterschreibt. Die Begleitleute waren völlig schockiert, ich aber noch mehr: Ich klammerte die Fackel fest in den Händen und dachte mir: 'Wenn dir das Ding runterfällt! So etwas darfst Du nie wieder machen.' Schließlich lief Rosendahl weiter zum Isartor. Heute habe ich ihr Autogramm noch, und sie hat bei den Olympischen Spielen ja wirklich was gerissen. München war damals verdammt locker." 

Foto: Stefan Götz
Christa Pfanner hat damals vielleicht Kradfahrer Walter Kraus (s.u.) kennengelernt: Sie übergab die eingesammelten Filme an der Ruderregattaanlage den motorisierten Boten. Jobs bei Olympia 72 waren Tausenden in Münchner Schulen angeboten worden, Interessenten mussten ein Auswahlverfahren durchlaufen, auch sie. Hörbeispiel

"Das war mit Bewerbung und Lebenslauf, das ist ja mit 16 ein Riesen-Akt, aber meine Mutter war da sehr interessiert dran, weil ich damals einen Freund hatte, von dem meine Mutter sagte, der sei ein Prolet. Und sie dachte sich, wenn ich da teilnehme, dann würde ich den vergessen. Um's vorwegzunehmen: es hat funktioniert. Ich wurde dann eingeteilt bei den Presseboten. Wir mussten bei den Fotografen im Stadion die Filme einsammeln, die wurden dann sofort ins Pressezentrum gefahren zum Entwickeln. Wir haben dafür den original Presseausweis bekommen wie jeder Journalist und konnten überall rein."


Foto: Stefan GötzCharly Thomass, heute Schwabinger Jazzpianist, hatte sich auf dem Schwarzmarkt Karten sowohl für die Eröffnungs-, als auch die Schlussfeier besorgt. Er war damals 15 Jahre alt. Hörbeispiel

"Gleich frühmorgens habe ich nach dem Wetter gesehen an diesem 26. August 72. Im Fernsehen lief ein Interview mit Hans-Günther Winkler. Später im Stadion - ich hatte eine Super 8 Kamera dabei - Blacky Fuchsberger meldete sich als Stadionsprecher, der Zeiger rückte näher, Bundespräsident Heinemann erschien, und dann kam der große Knaller: Das war die Musik. Beim Einmarsch - da liegt das Wort 'Marsch' ja drin, da wird plötzlich geswingt! Man hatte damals festgestellt, dass es sich bei einer bestimmten Metronomzahl am besten marschieren lässt. Und nach diesen Kriterien wurde arrangiert. Das war das erste Zeichen nach dem Motto: 'Wir machen da mal was anders.' In München kann man swingen, und in Deutschland auch."


Foto: Stefan GötzSieglinde Lang ist in unmittelbarer Nähe zum Oberwiesenfeld aufgewachsen, wo die Olympiabauten entstanden. Sie hat als Blumenmädchen bei der Eröffnungsfeier teilgenommen - genau an ihrem zwölften Geburtstag. Hörbeispiel

"Da hat die Tante aus Amerika angerufen. Die hat mich gesehen im Fernsehen. Na ja, hat sie zumindest gemeint. Es gibt da noch eine Postkarte, da sind die Schüler drauf, die tanzen. Da ist genau unsere Klasse drauf, und auch ich. Das T-Shirt habe ich noch da, ein paar Fotos gibt's noch, und wir haben ja alle eine Medaille bekommen aus Porzellan. Am Schluss der Eröffnungsfeier haben die Leute Eis und Geld runtergeschmissen und wollten dafür unsere Blumensträuße haben oder diese Bögen, die die Burschen gebastelt hatten, das haben wir gern hergegeben. Im Fernsehen konnten wir uns das selber gar nicht ansehen, das war ja alles live damals. Erst vor zwei Jahren war die ganze Eröffnungsfeier noch mal im Fernsehen."


Foto: Stefan GötzAndreas Brandlmeier, zu den Olympischen Spielen 15 Jahre alt, war wiederum Teilnehmer der Schlussfeier. Er war als Mitglied der Münchner Bläserbuben zu dieser Ehre gekommen. Hörbeispiel

"Es war für mich im Rückblick ein Umbruch: Vielleicht war das Attentat sogar der Beginn einer neuen Ära. Diese Gewalt, später die RAF. Die Palästinenser wollten ja Aufmerksamkeit erreichen, sie wollten auf ihr Schicksal aufmerksam machen. Das ist ihnen definitiv gelungen. Das haben andere radikale Gruppen auch gemerkt. Man kann den Sicherheitskräften damals gar keinen Vorwurf machen. Bei den Olympischen Spielen vorher ist ja auch nichts passiert. Wer hätte denn mit vernünftigem Menschenverstand gesagt: Da passiert was? Man war mit der Situation überfordert, klar. Aber wenn die Spiele abgebrochen worden wären, hätte man mich um das größte Erlebnis meiner Kindheit gebracht."


Carmen Winklmüller ist eine Kollegin beim Bayerischen Rundfunk. Die Entscheidung, Journalistin zu werden und vor allem: von Regensburg nach München zu gehen, fiel schon bei den Olympischen Spielen. Das örtliche Arbeitsamt hatte ihr als 19-Jähriger einen Job als "Hausdame" vermittelt - mitten in der sowjetischen Mannschaft. Einstellungsvoraussetzung: Blonde Haare. Hörbeispiel

"Es gab da auch so Angebote, aber nicht von den Sportlern. Ein Trainer fragte einmal, ob noch 'weitere Dienste möglich' wären. Das war natürlich nicht drin. Auch bei Treffen mit Sportlern afrikanischer Staaten gab es eindeutige Angebote. Na ja, da war schon was in der Luft. Das Attentat damals haben wir gar nicht richtig mitbekommen. Alle waren abgeschottet. Die jungen Sowjetsportler sollten schließlich gewinnen. Irgendwie wurde das geheim gehalten. Daher gab es auch keine panische Stimmung. Höchstens Beklommenheit."

Foto: Stefan GötzWalter Kraus fungierte bei den Olympischen Spielen unter anderem als Fackelläufer. Als damals 20-Jähriger war er noch minderjährig, half aber schon als Kradfahrer beim Transport von Filmrollen und Magnetbändern von den Sportstätten zum Pressezentrum.  Hörbeispiel

"Wir hatten Eintrittsausweise, die für alle Stätten zulässig waren, nur eben kein Sitzplatz, und natürlich musste man in der Zeit bei dem Team, dem man zugeordnet war, auch dort sein, wo das Team tätig war. Aber im Rest der Zeit konnte man auch andere Veranstaltungen besuchen. Als erstes erinnere ich mich an die  4x100-Meter Endlauf-Staffel der Damen mit der Goldmedaille, an diese letzten hundert Meter mit Heide Rosendahl und der Stecher aus der damaligen DDR, die eigentlich vorher die Goldmedaille gewonnen hat und an sich schneller war, aber die liefen zwei Meter hintereinander her, und die Heide Rosendahl hat der keinen Zentimeter mehr geschenkt, das erzeugt immer noch Gänsehaut, ich stand an der Gegengeraden und habe diesen Einlauf gesehen, das war unglaublich, wie die Leute getobt haben."


Foto: Stefan GötzKarin Rüth war damals 16 Jahre alt. Unter anderem erzählte sie: Hörbeispiel

"Die Münchner Bevölkerung war ja auch aufgerufen, Privatzimmer zur Verfügung zu stellen. Da hat sich dann meine Mutter beworben, ich musste mein Kinderzimmer räumen, hab dann bei meiner Schwester gewohnt, und es kam als erster ein Sportler. Also ein Sprinter, ein athletischer junger Mann, wir waren natürlich hin und weg. Das war aber ein Versehen, weil die Sportler, die sollten im olympischen Dorf wohnen, der war also nur zwei Tage bei uns. Und dann kam ein junger Mann aus dem heutigen Serbien, der war als Photograph und Reporter in München. Und mit dem konnten wir uns dann auf Englisch so bruchstückweise unterhalten. Es war ganz spannend. Der hat uns auch mal ein Foto mitgebracht und so einen kleinen Dackel, diesen Talisman, der Waldi."


Foto: Stefan GötzRobert Allmeier ist direkt am Oberwiesenfeld aufgewachsen. In den Jahren vor den Olympischen Spielen erkundete er das Baugelände von oben und von unten: Er wagte sich sogar in den U-Bahn-Schacht, blickte tief in das Fundament des späteren Olympiaturms und beobachtete den Bau des Stadions. Hörbeispiel

"Es musste ja alles schnell hochgezogen werden. Da waren Menschen aus allen möglichen Nationen, um zu arbeiten. Zu den  Arbeitern selber haben wir wenig Kontakt gehabt. Aber ich bin mit dem Fahrrad ständig zum Olympiastadion und habe beobachtet, wie die Stufen für die Zuschauertribüne gewachsen sind. Mir kommt das heute vor wie im Zeitraffertempo. Wenn man nach einer Woche wieder gekommen ist, dann war da wieder eine neue Reihe. Es musste in einer irren Zeit gemacht werden. Und die Baustelle vom Olympiaturm, dieses Fundament. Was da Beton reingegossen worden ist. Man stand da am Rand und hat in diese tiefe Baugrube reingeschaut."


Gerald HuberGerald Huber, der zuständige Redakteur. Er begleitete die Produktion und hatte das Manuskript stets vor sich. Die Olympischen Spiele mit diesem thematischen Ansatz darzustellen, hatte ihn sofort begeistert.

Daniela RöderDaniela Röder erledigte die Tontechnik. Mit größter Gelassenheit akzeptierte sie im Lauf der Produktion verschiedenste Änderungen und Ergänzungen, machte Vorschläge und half bei der Auswahl geeigneter Sounds.

Markus H. EberhardMarkus H. Eberhard wurde als Sprecher engagiert. Er ist Schauspieler, Sänger und Coach von Führungskräften. Auf dem Foto sieht man ihn beim Vortrag im Sprecherraum des Studios.